Der elektronische Textkorpus

Die digitale Geschichte der deutschen Lyrik in Beispielen umfasst 75 interpretierte Gedichte von 54 Autoren sowie 300 weitere Gedichte zur Exemplifizierung literaturtheoretischer und -historischer Erläuterungen. Neben biographischen Angaben zu den vertretenen Autoren stehen auch eine Zeittafel, Kurzcharakteristika der Epochen (mit Links zu weiteren Texten und Bildern) sowie ein Lexikon mit über 150 Grundbegriffen der Lyrikinterpretation zur Verfügung. 200 (durchgängig schwarz-weisse) Abbildungen sollen illustrative Hintergrundinformationen liefern. Der Vortrag der 75 interpretierten Gedichte durch den Stuttgarter Staatsschauspieler Wolfgang Höper ergibt insgesamt über vier Stunden Ton - so ist es nicht verwunderlich, dass die wav-Dateien den grössten Anteil des Speicherplatzes auf den Silberscheiben einnehmen. Die publizierten Texte und Interpretationen entstammen bis auf eine Aufnahme der im Stuttgarter Reclam-Verlag zwischen 1983 und 1988 erstmals veröffentlichten fünfbändigen Edition Gedichte und Interpretationen
In Auswahl und Gliederung  folgt die Sammlung einem Kanonverständnis, dessen problematische Seiten vor allem bei CD 3 Vom Biedermeier bis zum Zweiten Weltkrieg hervortreten. Übersieht man die hier versammelten Autoren und Texte, die mit Bertolt Brechts Entdeckung an einer jungen Frau und Gottfried Benns Valse Triste abschliessen, fällt mehr als ein Manko ins Auge. Nicht allein fehlen auch auf dieser CD fast gänzlich weibliche Stimmen - einzig zwei Texte von Anette von Droste-Hülshoffs (Am letzten Tag des Jahres und Im Grase) werden hier mit Interpretationen vorgestellt. So kann leicht der Eindruck entstehen, Lyrik in Deutschland wäre eine fast ausschliesslich männliche Angelegenheit. Dem jedoch widersprechen schon im 19. Jahrhundert die poetischen Texte der Caroline von Günderode oder der Bettina von Arnim; im frühen 20. Jahrhundert die Gedichte der Else Lasker-Schüler oder der Gertrud von Le Fort. Zudem fehlen wichtige Beispiele für die Dichtung der Moderne, insbesondere für die Zeit nach dem Expressionismus. Johannes R. Becher, Hans Carossa, Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Josef Weinheber sind nur einige der Autoren, die für ein breites Spektrum der Lyrik jenseits der kanonischen Gestalten Brecht und Benn stehen und durchaus Beachtung verdienten. Dieses Missverhältnis in der Aufmerksamkeit schlägt sich auch in den beigegebenen Materialien nieder: Während es hier 18 (!) Eintragungen zu bzw. mit Verweis auf Mörike gibt, bleiben Lyriker des Expressionismus wie Franz Werfel, Jakob van Hoddis, Ernst Stadler aber auch Vertreter des Dadaismus weitgehend unberücksichtigt. Das ist bedauerlich, denn gerade an dieser Stelle hätte sich die Einbindung historischer Tondokumente angeboten - etwa die Aufnahme von Kurt Schwitters' Ursonate oder auch der 1930 ausgestrahlte Radio-Disput zwischen Johannes R. Becher und Gottfried Benn über die Stellung von Lyrik in den Kämpfen der Zeit.
Zum Anfang Texterschliessung und Navigation